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Die alexithymische Gesellschaft – Ein rein hypothetischer Gedanke

Heute Morgen bin ich um 4 Uhr aufgewacht. Genau wie in den letzten Tagen schweißgebadet und mit frei flottierenden Ängsten. Gut habe ich dann heute gedacht. Dann höre ich mal genauer hin und die Ängste wurden weniger als mir ein Gedanke kam. Irgendwie ist es ja kein Wunder. Vor einer Woche ist mein Fohlen geboren, was quasi für mich eine freudige emotionale Explosion war (innerlich). Aber wer hat da schon Zeit für. Arbeiten war angesagt und außerdem schien bis auf meine Mutter, ich die Einzige zu sein, mit diesen freudigen Gefühlen. Das heißt also zusammenreißen, arbeiten gehen, Gefühle unterdrücken und so tun als sei alles normal. Dann musste ich fünf Tage später das Fohlen mit Bauchschmerzen in die Klinik fahren. Die Emotionen waren wieder groß. Von irrsinniger Freude auf tiefe Angst um das Fohlen. „Nebenbei“ liegt ein Freund schwerkrank im Krankenhaus mit ungewisser Zukunft. Ich habe bald meine ersten Prüfungen im Master. Ich fühle mich den ganzen Tag gefangen in einer aufgedrückten Normalität, die ich vorspielen muss, die sich aber mit meinen inneren Gefühlen überhaupt nicht deckt. Heute Morgen hatte ich den Eindruck wie ein Vulkan zu sein. Außen hart und innen brodelte es und ich versuche krampfhaft eine Explosion zu unterdrücken. Weil ich nun mal wach war, googelte ich über unterdrückte Emotionen. Interessanterweise kam ich auf den Begriff der Alexithymie. Es kann sein, dass ich mich jetzt weit aus dem Fenster lehne, aber ich wage es. Alexithymie heißt so viel wie Gefühlsblindheit und betrifft offensichtlich 10 % der Bevölkerung. Es heißt nicht keine Gefühle zu haben, sondern diese können schlecht gezeigt werden oder beschrieben werden. Es ist eine Art Gleichmut, wobei es weniger eine psychische Störung ist, als ein Persönlichkeitsmerkmal ( https://www.vfp.de/verband/verbandszeitschrift/alle-ausgaben/62-heft-04-2013/376-alexithymie.html).

Das Beispiel aus meiner aktuellen Situation, wie ich es oben beschrieben habe, erlebe ich im Alltag häufig und das macht es mir oft schwer. Ich werde gezwungen meine Freude in Schach zu halten, aber auch meine Trauer oder andere Emotionen. Ich habe irgendwie lange das Gefühl gehabt emotional zu sein sei krankhaft, aber mittlerweile Zweifel ich an meiner Theorie und denke es könnte mitunter ein gesellschaftliches Problem sein. Es gibt kaum mehr Raum für Emotionen, vor allem nicht im Alltag. Erziehen wir uns zu einer alexithymischen Gesellschaft? Vielleicht sind wir bereits als Gesellschaft traumatisiert. Vor lauter Leistung und Anforderungen von der Gesellschaft hervorgerufen sind unsere Emotionen im Weg und es scheint nicht wenig Menschen zu irritieren, wenn man etwas aus dem Herzen heraus erzählt oder auch weint, weil einfach etwas mal traurig ist. Die Menschen erscheinen mir wirklich in vielerlei Hinsicht gleichmütig, auch unabhängig von meinen persönlichen Problemen. Ja, wir müssen uns im Zaum halten, arbeiten, gesund und schön sein, ordentlich, gebildet sein, Geld haben, dabei scheinen wir wichtiges in uns zu vernachlässigen.

Wir müssen „normal“ sein. Schwierig ist nur, dass normal sich offensichtlich verändert und somit  dynamisch ist.

Daher sollten wir uns fragen, ob es manchen Menschen einfach schwer fällt „normal“ zu sein, weil ihnen der Gleichmut fehlt. Der Gleichmut wer man persönlich ist, was einem widerfahren ist und was im Umfeld und auf der Welt so geschieht.

Es liegt mir fern der ganzen Welt die Schuld für meine Unzulänglichkeiten zu geben. Vielleicht schreibe ich noch über meinen inneren Kritiker und der ist sehr, sehr streng mit mir.

Heute musste ich mir einfach mal Luft machen. Vielleicht ist die Alexithymie auch nicht ganz der richtige Begriff, aber ich hoffe ihr wisst was ich mit diesem Beitrag ausdrücken möchte und er soll einfach auch mal etwas gesellschaftskritisch sein. Vielleicht fällt jemandem noch ein besserer Begriff ein.

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